Agnes Neuhaus
Aus der Geschichte des Vereins

Dokument 4


Bischöfliche Gnaden!

Meine Damen und Herren! {1}

Der Wortlaut meines Themas: "Aus der Geschichte des Vereins" sagt schon, dass ich nicht mit einer gewissen Vollständigkeit und in streng chronologisch geordneter Reihenfolge die Ereignisse der jetzt hinter uns liegenden 25 Jahre an uns vorüberziehen lassen will, sondern dass es meine Aufgabe ist, besonders bemerkens-werte Ereignisse, Gesichts­punkte, Wendungen, die in der Entstehung, in der Entwicklung für die Richtung des Vereins von entscheidendem Einfluß waren, heute, in dieser Feierstunde uns vor Augen zu führen.


In diesem Sinne möchte ich 5 Punkte besonders behandeln:


Ich beginne also mit der Entstehung des Vereins. Ich sage absichtlich nicht Gründung, sondern Entstehung, Anfang. Ich kann mit dem besten Willen in der Entstehung dieses Vereins nichts anderes sehen, als das Walten der göttlichen Vorsehung. Zum Gründen eines Vereins gehört doch das Erkennen einer Notwendigkeit oder wenigstens ein Vorsatz, ein Wille, zu gründen, gehört planvolles Vorgehen, Beratungen mit anderen über die zu ergreifenden Wege usw. Bei uns nichts von alledem: wir waren in voller Arbeit und zwar auf dem denkbar sichersten Weg zum Ziel, ohne den Weg zu übersehen und das Ziel zu kennen.

Der Hergang ist Folgender: Im Jahre 1897 kam ein neuer Stadtrat nach Dortmund als Dezernent für Armenverwaltung und Gemeindewaisenrat. Er war sehr modern einge-stellt und übernahm es sehr bald – wenn nicht als Erster in Preußen, so doch sicher als einer der Ersten – die Frau offiziell in die öffentliche Armenpflege einzuführen. Das war vor jetzt 27 Jahren. Er dachte sich das aber nicht so, dass Frauen nun an den alle 14 Tage, gewöhnlich abends im Wirtshaus stattfindenden Bezirksver­sammlungen der Männer teilnehmen sollten, sondern er wollte aus der Gesamt­heit der Fälle diejenigen aussuchen, die der Hülfe einer Frau besonders bedurften, um diese dann von Frauen, unter seiner persön­lichen Leitung behandeln zu lassen.

In der ersten Versammlung der zur Mitarbeit bereiten Frauen wurde mir die Sorge für eine Witwe zugetei1t und mir gesagt, die Frau wäre im städtischen Kranken­haus. Ich suchte und fand sie dort – auf der syphi­li­tischen Station, von deren Existenz ich bis dahin keine Ahnung hatte. Ich fand dort aber nicht nur diese Frau, sondern junge Mädchen von 17, 18 Jahren, auch jüngere und ältere, welche, durch ihr unsittliches Leben krank geworden, von der Polizei dort eingeliefert waren. Was Sittenpolizei und Reglementierung bedeutet, wusste ich nicht, ich hatte von diesen traurigen Dingen nie gehört, man sprach damals nicht so viel davon wie heute; aber das fühlte ich tief, dass Frauenhilfe hier dringend nötig war. [...]

Lassen Sie mich nun auf das Gesagte kurz zurückschauen. Wir wurden, ganz ohne irgendeines Menschen Plan und Hilfe, für unsere Rettungs­arbeit auf diese Station geführt, wo ganz unerwartet die der Hilfe Bedürftigsten vor uns standen. Wir hätten, wenn wir das Arbeitsfeld in seiner ganzen Ausdehnung überschaut hätten, unmöglich einen geeigne­teren Angriffspunkt für diese Arbeit finden können, und in der Tat haben wir später, als wir die Arbeit kannten, bei Neugründungen, nun bewusst, immer auf dieser Station angefangen. Die Mädchen sind dort unter Dach und Fach, meist wochenlang; man kann in dieser Zeit die meist recht umfangreiche Vorarbeit – Ermittlungen, Aufsuchen der Kleider und Papiere, Unterbringungsmöglichkeiten, Schritte bei den Behörden usw. – in aller Ruhe ausführen, sodass für ein Mädchen, wenn es die Station verlässt, die Wege geebnet sind und es unmittelbar seinem Bestimmungsort zugeführt werden kann. Man braucht also für die Arbeit auf dieser Station kaum ein Zufluchtshaus oder ein Vorasyl, dessen Beschaffung gleich im Anfang oft fast unmöglich ist und jeden­falls dann eine Menge von Kraft und Zeit absorbieren würde, die man nun uneinge­schränkt in den Dienst der noch neuen und ungewohnten Arbeit stellen kann. Man vergleiche damit die Hilfsarbeit in einer Entbin­dungs­anstalt, wo am zehnten Tage, oft noch früher, Mutter und Kind entlassen, Mutter und Kind unter-gebracht werden müssen. Hätten wir also an einer solchen Stelle angefangen, so würden wir, schon gleich für den Anfang, vor fast unlösbaren Schwierigkeiten gestanden haben. Ich könnte noch verschiedene andere Gründe anführen, die für einen Anfang auf dieser Station sprechen, aber ich brauche nur noch einen und zwar den ausschlaggebenden, zu nennen, folgenden: Durch die Arbeit an dieser Stelle kommt man am einfachsten, am sichersten und wirkungsvollsten an die Zusam­menarbeit mit der Sittenpolizei und damit an die Stelle, wo unsere Arbeit am nötigsten ist. Die Polizei hat ja die Mädchen ins Hospital eingeliefert, sie können ohne Polizei nicht wieder heraus geholt werden; wir müssen uns wegen jedes Mädchens mit ihr in Verbin­dung setzen. So kommen wir durch Hilfsarbeit an dem einzelnen Menschen­kinde, also auf die einfachste Weise, zu dieser Zusammen­arbeit. Die Polizei lernt uns und unsere Arbeit kennen und führt uns ihrerseits auch die aufgegriffenen Mädchen zu, die nicht krank befunden waren, aber auch unsere Hilfe so dringend nötig haben. Unsere Mitarbeit ist überall, mit ganz verschwin­denden Ausnahmen, von der Polizei freudig begrüßt und angenommen worden, und viele Tausende von jungen Mädchen sind in diesen 25 Jahren durch diese Zusammenarbeit vor dem Untergange bewahrt worden.

Also an diese Stelle, in die Station, wurden wir geführt ohne unser Zutun. Der Umstand, dass dieser erste Schritt auf Anregung eines Stadtrats erfolgte, der sich dann dauernd für das Werk interessierte, hatte zur Folge, dass wir von vornherein in enger Verbindung mit der Stadtverwaltung arbeiteten – und den engen persön­lichen Beziehungen zum Vormundschaftsrichter verdanken wir es, dass wir unsere ganze Arbeit von vornherein auf die feste Grundlage des Gesetzes stellten. Diese beiden Seiten der Arbeit: enger Anschluß an die städtischen Behörden, Arbeiten auf gesetzlicher Grundlage, sind von Anfang an bis heute charakte­ristische Merkmale unseres Vereins geblieben, die also auch bei jeder neuen Gründung in lebendige Wirksamkeit gebracht werden. Sehr viel haben sie zu den Erfolgen beigetragen, deren wir uns dankbar Freuen können – auch sie sind uns ohne unser Zutun gegeben worden. [...]

Ich könnte Ihnen noch vieles anführen, um Ihnen zu zeigen, wie die Wege für diese Arbeit geebnet waren und vor uns lagen, als seien sie sorgfältig vorbereitet; aber ich darf mich nicht in Einzelheiten verlieren. Nur noch ein Hauptmoment, das mich auch in meinem Bericht weiter bringt: Nach meinem ersten Besuch im Krankenhaus durchdrang mich mit großer Kraft die Überzeugung, dass es sich hier um eine aposto­lische, um eine seelsorgerische Arbeit handle, und dass ich nicht das Recht hätte, sie für mich allein durchzuführen, dass ich vielmehr in Verbindung mit unserer heiligen Kirche und in Gehorsam gegen sie handeln müsse. Ich suchte deshalb gleich nach diesem ersten Besuch meinen zustän­digen Pfarrer, den jetzt längst verstorbenen Herrn Propst Löhers, auf und hätte auch hier wirklich an keine geeignetere Persön­lichkeit kommen können. Propst Löhers war ein weitherziger, im besten Sinne des Wortes fortschrittlich gesinnter Mann, der sich über das Gute freute und es förderte, wo er es fand, auch das Gute, das neu war, auch das Gute, das nicht von ihm ausging. So war er auch sofort von Herzen einverstanden mit dieser neuen Arbeit, sagte mir in seiner schlichten, herzlichen Art: "Ja, sorgen Sie, dass die armen Kinder von der Straße kommen." Er hat uns bis zu seinem Tode in jeder Weise geholfen, auch durch materielle Unterstützung.

Im Krankenhaus fand ich eine treue Mitarbeiterin in der Stations­schwester, einer evangelischen Diakonissin von Kaiserswerth. Wir hatten uns die Arbeit so einge­teilt, dass sie in der Hauptsache die evange­lischen Mädchen betreute, ich die katholischen; wir haben niemals die geringste Differenz miteinander gehabt. Die Arbeit selbst kann ich hier nicht schildern, das würde zu weit führen.

Ich nahm mich selbstverständlich jedes einzelnen Mädchens an in eingehendster Weise, aber meine endgültige Hilfe bestand ausschließlich darin, die Mädchen, die ich nicht den Angehörigen wieder zuführen konnte, in Klöster vom Guten Hirten unterzu-bringen, die jüngeren oft mit Hilfe des Vormundschaftsgerichtes; an eine andere Art der Hilfe habe ich damals überhaupt nicht gedacht. Ich glaube auch wohl, dass die Mädchen, um die es sich damals handelte, sittlich schon zu weit herunter gekommen waren, um sie von der Station aus sofort in Dienst­stellen zu bringen. Die Schwestern nahmen meine Schützlinge, die ich ihnen meist persönlich zuführte, liebevoll auf; ich gedenke auch an dieser Stelle ihrer treuen Mitarbeit mit größter Dankbarkeit.

Die Zahl der Schützlinge, und damit die Zahl der Unterbringungen nahm aber sehr schnell zu, und es wurde mir klar, dass Herr Propst und ich die dazu notwendigen Mittel auf die Dauer allein nicht aufbringen konnten. Wir beschlossen deshalb, einen Verein zu gründen, um zahlende Mitglieder zu bekommen; weiter haben wir uns nichts dabei gedacht. Gegründet wurde dieser Verein dadurch, dass am ersten Adventssonntag des Jahres 1899 einige wenige Damen in dieser Absicht zum Tisch des Herrn gingen; eine Gründungsversammlung haben wir nicht gehalten. Den neuen Verein nannten wir "Verein vom Guten Hirten", weil ich ja damals als einzigen Vereinszweck vor Augen hatte, die auf der Station getrof­fenen Mädchen den Schwestern vom Guten Hirten zuzuführen resp. die Mittel dafür zu schaffen. Diesen Namen haben wir dann aus Zweckmäßig­keits­gründen später wieder ändern müssen.

Bald darauf fügte es sich, dass wir in Verbindung mit dem Hochwürdigen Herrn Pater Seiler traten, der vielfach seelsorgerisch in den Klöstern vom Guten Hirten tätig gewesen war. Er machte uns erst so recht die Notwendigkeit dieser Arbeit klar, erbot sich auch zu einem offiziellen Gründungsvortrag, den er dann, nach längeren Besprechungen, am 19. Juni 1900 in unserer alten, ehrwürdigen Propsteikirche hielt, vor einem kleinen Kreis von geladenen Frauen und der Dortmunder Geistlichkeit, die unser Herr Propst ebenfalls eingeladen hatte. Herr Pater Seiler hat uns mit tiefer religiöser Innerlichkeit von der geistigen Schönheit dieser Arbeit gesprochen und uns alle mit begeisterter Bereitwilligkeit für sie erfüllt. Mit diesem Vortrag war unser Verein nun offiziell eingeführt; wir rechnen diesen 19. Juni als unseren Gründungstag.

Ich habe es für notwendig gehalten, die Art der Entstehung unseres Vereins recht klar zum Ausdruck zu bringen; die anderen Punkte dürfen uns nicht so lange aufhalten.

In der ersten Ausbreitung des Vereins sehe ich wieder deutlich das Walten der göttlichen Vorsehung. Gleich bei unserm ersten Besuch nach dieser Gründungs­feier trafen wir auf der Station ein 19jähriges Mädchen, das unsere Hilfe zurück­wies mit der Begründung, dass sie in Köln eine Dame habe, die ihr helfe. Auf meine Frage, wo sie die Dame denn kennen gelernt habe, antwortete sie: "Im Gefängnis." Die weitere Unter­haltung mit dem Mädchen bestimmte mich, die Dame in Köln aufzu­suchen. Hätten wir nun alle Frauen von Deutschland gekannt, so hätten wir uns keine andere zur weiteren Mitarbeit aussuchen können, als diese eine, die das arme Mädchen genannt hatte. Frau Bergrat Le Hanne, einzige Tochter von August Reichensperger, hatte, nachdem sie früh ihren Gatten und dann das einzige, nach seinem Tode geborene Kindchen verloren, ihr Leben ganz Gott geweiht, im Dienste der armen, auf Irrwege geratenen Mädchen. Sie hatte schon zehn Jahre lang in aller Stille das große Polizeigefängnis in Köln besucht, um den Nachts aufgegriffenen Mädchen zu helfen, hatte dadurch einen viel weiteren Blick, viel mehr Erfahrung als wir Anfängerinnen. Wir schlossen uns nun eng anein-ander an: Frau Le Hanne nahm neu auf die Besuche auf der Magda­lenenstation, auf der großen Lindenburg in Köln, wir in Dortmund die Besuche im Gefängnis. Frau Le Hanne zog noch ihre Freundin, Frau Marita Loersch aus Aachen, mit in die Arbeit hinein, und die Folge war, dass schon am 8. Dezember desselben Jahres ein Verein zum Guten Hirten in Köln und Aachen gegrün­det wurde.

So entstand nun in Westfalen und Rheinland ein Verein nach dem anderen, immer durch persönliche Beziehungen, durch Mitarbeit religiös interes­sierter Personen; überall wurde die Arbeit von religiöser Begeisterung getragen. Ende 1903 hatten wir 13 Vereine.

Im Frühjahr 1905 trat ein neues bedeutsames Moment hinzu. Die Orts­gruppe Düsseldorf, Frau Niedieck, schrieb uns, dass dort so viele Badenser Mädchen in sittliche Not gerieten und an den Fürsorgeverein kämen; sie müsse Hilfe und Mitarbeit in Baden haben. Wir kannten in Baden niemanden, erbaten und erhielten Adressen von Herrn Prälat Werthmann. An die angegebenen Adressen – die eine der Adressatinnen ist heute unter uns –, wandte sich Frau Niedieck mit der Bitte um eine Besprechung. Unsere liebe Frau Matheis hat mir nachher erzählt, dass sie und ihre Gesinnungs-genossin sich schon mit Plänen für ein Rettungs­werk an sittlich gescheiterten Mädchen beschäftigt, aber nicht gewusst hätten, wie und wo sie anfangen sollten.

Dieser Brief von Frau Niedieck hätte für sie die Erhörung eines Gebetes bedeutet. – Nun wurde also Ende 1905 unsere Vereinsarbeit auch nach Baden getragen und dort ebenfalls mit Begeisterung in Angriff genommen.

Ein anderes, nach meiner Ansicht sehr wichtiges und für die Entwicklung unseres Vereins geradezu mitbestimmendes Ereignis fällt in das Frühjahr 1906. Mich führte eine Angelegenheit an den Volksverein zu Herrn Direktor Hohn. Bei dieser Gelegenheit machte er mich auf einen Kursus von 12 Tagen in Frankfurt a.M. aufmerksam {2}, gehalten von Professor Klumker und Dr. Polligkeit, nahm auch das in einer kleinen Broschüre niedergelegte Programm der einzelnen Tage mit mir durch. Er ermunterte mich eindringlich zum Besuch dieses Kursus, wozu ich mich nach anfäng­lichem Zögern glücklicherweise auch entschloss. Haupt­ver­handlungs­themata waren:



Themen, die heute allen auf dem Gebiete der Fürsorge Arbeitenden geläufig, aber damals, vor nunmehr 19 Jahren, den meisten noch sehr fremd waren. Sie wurden gründlich bearbeitet, und an den ausgiebigen Diskussionen beteiligten sich Fachleute ersten Ranges. Die ganze Tagung gab eine Menge von Anregungen für unser Arbeits-gebiet und erweiterte den Blick in hervorragender Weise. Bei den Besichtigungen und auf den kleinen, mit dem Kursus verbundenen Studienreisen bot sich günstige Gelegenheit, das Gehörte nochmal zu besprechen und um Auskunft zu bitten über Nichtverstandenes. So lernte ich eine ganze Anzahl von auf diesem Gebiet hervor-ragenden Persönlichkeiten kennen, hauptsächlich Juristen und Verwaltungsbeamte, was uns auch bei unseren späteren Grün­dungen vortrefflich zu statten kam. – Ein solcher Kursus fand bis zum Krieg jedes Jahr statt; immer wurden wichtige, gerade zu der Zeit akute Themen behandelt. Ich habe ihn 6 oder 7 mal nacheinander mitge­macht und kann nur mit Dankbarkeit sagen, dass wir für die Arbeit und für den ganzen Verein außerordentlich viel dadurch gewonnen haben. – Mit­ten im Kursus, am zweiten Sonntag nach Ostern, hatte ich auf Wunsch unserer Mitarbeiterin von Karlsruhe eine Besprechung mit ihr in Heidel­berg. Die von Frau Niedieck angeregte Fürsorgearbeit hatte sich in Karlsruhe nicht nach Wunsch entwickelt, vielleicht deshalb nicht, weil man versucht hatte, sie mit dem Elisabethverein zu verbinden. Frau Matheis über­brachte mir nun eine Einladung zu der Mitte Mai statt­findenden Caritastagung der Erzdiözese Freiburg in Baden-Baden. Hier musste ich also über unsere Arbeit berichten – es war gut vorgearbeitet worden. Am zweiten Tage fand eine Spezialberatung zwischen den interes­sierten Persönlichkeiten statt, und das Resultat war die Gründung von 5 badischen Ortsgruppen; Karlsruhe, Heidelberg, Mannheim, Freiburg und Konstanz am Bodensee.{3} Im gleichen Jahr erfolgten überhaupt so viele Gründungen in größeren Städten wie in keinem Jahr vorher und nachher. Ich nenne noch; Straßburg, Kolmar, Frankfurt, Wiesbaden, Darmstadt, München, Wien. So ist das Jahr 1906 dasjenige, in welchem unser Verein die Grenzen von Westfalen und Rheinland verlassen hat und in die weite Welt hinausgewandert ist.

Mit dieser neuen und schnellen Ausdehnung des Vereins auf entfernte Gebiete unseres deutschen Vaterlandes trat als Endziel unserer Bewegung immer klarer und deutlicher die Notwendigkeit einer Ausbreitung des Vereins über ganz Deutschland in unser Bewußtsein, nahm als bestimmter Plan feste Form an. Damit wurde aber eine andere, sehr wichtige Frage akut, die Frage einer klaren, bestimmten Organisationsform, die einer territorial so ausgedehnten Bewegung resp. ihren einzelnen Ortsstellen, die doch in der Arbeit auf einander angewiesen waren, den nötigen festen Zusammenschluß sicherte, ohne sie in ihrer Bewegungsfreiheit irgendwie einzuschränken.

Damit komme ich an den dritten Punkt meines Berichtes.

Ich halte diese Organisationsfrage in der Geschichte unseres Vereins für so bedeutsam, dass ich sie Ihnen im Zusammenhang darstellen möchte; ich greife darum in der Zeit nochmal zurück.

Ich habe anfangs berichtet, dass kurz nach der offiziellen Gründung des Vereins vom Guten Hirten in Dortmund im Juni 1900 zuerst in Köln und Aachen, dann überhaupt in Westfalen und Rheinland ein solcher Verein nach dem anderen entstand. Es mag Ende 1901 gewesen sein, als die Damen aus der Rheinprovinz uns schrieben, dass sie den ursprünglichen Namen nicht weiterführen könnten; die Mädchen, die öfter auch gegen ihren Willen den Klöstern vom Guten Hirten zugeführt würden, verwechselten infolge des gleichen Namens Kloster und Verein und brächten infolge­dessen dem Verein viel-fach Mißtrauen entgegen. Uns in Westfalen war der Name immer lieber geworden, den Behörden inzwischen auch schon vorteil­haft bekannt. Als Frau Le Hanne bemerkte, dass uns eine Namens­änderung schwer wurde, schlug sie vor, wir möchten unseren liebgewonnenen Namen behalten, sie wollten ihn dann allein ändern. Wir sagten uns, wir müssen unbedingt überall den gleichen Namen haben, damit unsere Mädchen, die unsere Hilfe brauchen, uns finden können. So, wie der Elisabethverein überall für die Armen da ist, so müssen unsere Schütz­linge überall schon am Namen wissen, dass dieser Verein für sie da ist. – Das war der erste Organisationsgedanke, die erste Maßnahme, die aus dem Gefühl der Zusammengehörigkeit hervorging. Da inzwischen das Fürsorgeerziehungsgesetz in Kraft getreten war, das von uns schon vorher sehnlichst verlangt und gleich nach seinem Erscheinen in Anwen­dung gebracht worden war, so wurde diesem Gesetz der neue Name entnom­men.{4} Hätten wir damals geahnt, welche Ausdehnung der Begriff "Für­sorge" in der Zukunft annehmen würde, so hätten wir wahrscheinlich einen anderen Namen gewählt.

Nun kannten sich die ersten Vereine alle unter einander und arbeiteten zusam­men, oft mehrere Vereine für einen einzelnen Fall; es war ihnen das etwas Selbst­verständliches. Das blieb es aber nicht, als die Vereins­gründungen zunahmen und nicht mehr alle sich untereinander kannten. Dabei trat die Notwendigkeit engster Zusammenarbeit immer deut­licher hervor. Unsere Schützlinge waren sehr häufig gar nicht aus der Stadt, in der wir sie trafen; sie bildeten ein fluktuierendes Element, heute hier und morgen da. Unsere eingehenden Ermittlungen über sie, die ja die Unterlage aller Hilfsmaßnahmen bilden, griffen für ein und denselben Fall oft über in drei, vier andere Städte, zu Behörden, Verwandten, Dienstherrschaften, Pfarrern, Lehrerinnen, etc. Und die Aus-künfte hatten nur Wert, wenn sie einge­hend und zuverlässig waren; wir konnten die geschulten Antwortgeber meist sehr gut von den übrigen unterscheiden. Und anderer-seits mussten unsere Schütz­linge, wenn sie aus der gleichen Stadt waren, oft aus ihrer Umgebung entfernt, in neue, günstige Verhältnisse verpflanzt, unter die spezielle Obhut einer aus­wär­tigen Vereinsmutter gestellt werden. Im Laufe des Jahres 1903 war das Bedürfnis fester Zusammengehörigkeit schon so stark geworden, dass wir am 3. Dezember 1903 den ersten Vereinstag in Dortmund anberaumten, der diese Frage behandeln sollte. Die Beratung führte zur Gründung eines Verbandes, dem alle damals bestehenden 13 Vereine aus voller Überzeugung und mit Freuden beitraten. Er sollte hauptsächlich dazu dienen, den im Interesse der Arbeit erfor­der­lichen Austausch von wert­vollen Erfahrungen, auch von Adressen, Telephon­nummern etc. zu vermit­teln. Als Zentrale des Verbandes wurde Dortmund gewählt. An den Charak­ter eines Vorstandes hat bei dieser Zentrale niemand gedacht, sie sollte lediglich den Mittelpunkt, eine Stelle zur Annahme und Weiter­gabe bilden. – Nun hatten wir also einen Verband von einzelnen, selb­ständigen Fürsorgevereinen, die sich aber immerhin schon Ortsgruppen nannten.

Als nun im Jahre 1906 der Verein über sein bisheriges Arbeitsgebiet hinaus in die Weite zog, da zeigte sich die Notwendigkeit der Zusammen­arbeit in noch viel höherem Maße. Als ich nach der Caritastagung in Baden-Baden die neu gegrün­dete Ortsgruppe Heide1berg besuchte, da sagte mir die Vorsitzende schon: die katholischen Mädchen hier in den Kliniken sind alle nur aus der Pfalz; wir müssen Hilfe in der Pfalz haben. Als wir nun einige Ortsgruppen in der Pfalz hatten, sagten mir die Damen: es kommen so viele Mädchen an uns aus Saarbrücken, können Sie uns nicht dort eine Ortsgruppe gründen. Als Hamburg gegründet war und die neue Vorsitzende bald darauf gelegentlich einer Rheinreise unser Büro in Köln aufsuchte, um dort Mitarbeit für 2 aus Köln stam­mende, in Hamburg befindliche Mädchen zu finden, haben, so erzählte uns die Hamburgerin, die Damen hocher­freut ausgerufen: "Gott sei Dank, endlich Hamburg; wir hatten die Mitarbeit dort so nötig!" Sie hätten auch aus ihren Akten heraus sofort eingehende Auskunft über das eine der beiden Mädchen gegeben und die Ermittelungen und Hilfsmaß­nahmen betr. des anderen in die Hand genommen.

Es zeigte sich auch bei diesen viel größeren Entfernungen, dass die bisherige Form des Zusammenschlusses, der Verband, also nur die Bekannt­gabe neuer Adressen etc. nicht genügte, dass vielmehr eine gewisse Gleichartigkeit der Arbeit herbeigeführt werden müsse, wenn für ein und dasselbe Mädchen die Hilfsaktion im Norden des Reiches in Angriff genommen, im Süden fortgesetzt und womög­lich noch in einer dritten Stadt mit Erfolg zum Abschluß gebracht werden sollte. Es zeigte sich ferner ein großes Bedürfnis nach Schulung, besonders im mündlichen und schriftlichen Verkehr mit den Behörden, in Gesetzkenntnis, Antrag­stellung etc. und wiederum auch hier die Notwendigkeit des Arbeitens nach gleichen Methoden, wenn die Vorarbeiten des einen Vereins dem anderen wirklich dienen sollten. Ich könnte Ihnen davon sehr beweis­kräftigen Tatsachen berichten, wenn mich das hier nicht zu weit führen würde.

Bei der Beschränkung der Arbeit auf zwei Nachbarprovinzen war dieses Bedürfnis durch häufigere Zusammenkünfte und persönliche Aussprache zum großen Teil befriedigt worden, uns unbewusst. Das war bei so weiten Entfernungen nicht mög­lich, da musste etwas anderes gefunden werden, das eine enge Zusam­men­arbeit sicherte, ohne die notwendige Selbstän­digkeit und Bewegungsfreiheit der einzelnen Orts-gruppen irgendwie zu beschränken.

Das Suchen, ich kann wohl sagen, das sorgenvolle Suchen nach diesem Etwas füllte das Jahr 1907. Einen ersten Lichtblick gab eine Unter­redung mit Herrn Dr. Liese, der mir auf meine Darlegungen antwortete: Bilden Sie doch einfach einen Verein für ganz Deutschland wie den Volks­verein in M.-Gladbach. Wir glaubten nun die Lösung gefunden zu haben, kamen aber bald von unserer Freude wieder zurück, als wir uns klar machten, dass der Volksverein ja gar keine Ortsgruppen hat, sondern die ganze Arbeit von der Zentrale geleistet wird. Aber die Idee des einen großen Vereins ließ uns nicht wieder los. Die Schwierigkeit war groß, denn die Selbständigkeit der einzelnen Ortsgruppen musste unter allen Umständen gewahrt werden, wenn sie erfolgreich arbeiten sollten. Es ist hier nicht die Stelle, alle Schwierigkeiten ausein­ander­zusetzen, welche auch schon dadurch entstan­den, dass die große Zahl der Einzelvereine bei voller juristischer Selbständigkeit an eine bestimmte Arbeitsweise zu binden war, die sich den wachsenden Bedürf­nissen eben dieser Arbeit anzupassen hatte, und dass doch diese Vereine nicht in die Lage versetzt werden durften, jedesmal die erfolgten Änderungen als Änderungen ihrer Satzung eintragen lassen zu müssen.

Juristen erklärten uns diese Schwierigkeit für satzungsmäßig unlösbar. Und doch musste sie gelöst werden, wir haben um diese Lösung wirklich – ich kann hier das viel mißbrauchte Wort gebrauchen – gerungen.

Da führte uns ein gütiges Geschick zu zwei Düsseldorfer Juristen, Herrn Amtsgerichts-rat Dr. Brandts und Herrn Oberregierungsrat von Werner, derer ich auch noch mit der größten Dankbarkeit gedenke. Unsere Vorsit­zende in Düssel­dorf hatte sich an die beiden Herren gewandt, und diese haben nun mit der größten Liebenswürdigkeit und Geduld tagelang mit uns gearbeitet, um all unsere Wünsche in tadellos juristischer Form in Satzungen niederzulegen. Sie hatten durch diese Arbeit der ganzen Bewegung einen unschätzbaren Dienst erwiesen.

Die Satzungen wurden nun auf der Generalversammlung in Düsseldorf am 18. Oktober 1907 mit großer Begeisterung einstimmig angenommen.

Seitdem sind wir ein Gesamtverein für Deutschland, und ich kann nur sagen, dass diese Organisationsform sich glänzend bewährt hat; sie hat sich mehr und mehr mit lebendigem Leben gefüllt. Wir sind uns klar darüber geworden, dass sie für uns fast eine Vorbedingung für gemein­sames erfolgreiches Wirken geworden ist; darum hüten wir sie sorgsam. Wir haben uns darum auch verpflichtet gefühlt, verschiedentlich lieber auf Anschlüsse zu verzichten, als uns auf Kartellver­bindungen einzu­las­sen, weil wir glauben, auch den ersten Schritt zum Ausein­anderfallen ängstlich vermeiden zu sollen. Aus dem gleichen Grunde vermeiden wir auch jede Zwischengrenze. Wir haben keine Diözesanverbände, sondern anstatt dessen Diözesan-Beiräte. Ich habe gerade diese Frage, als sie akut wurde, mit Sr. Eminenz, dem Herrn Kardinal Schulte, eingehend besprochen, als er noch Bischof von Paderborn war; er hat unserer Begründung durchaus zuge­stimmt und sich mit der Lösung vollkommen ein­ver­standen erklärt. Als infolge von behördlichen Maßnahmen Landesor­ga­nisationen nicht mehr vermieden werden konnten, ohne uns materiell zu sehr zu schädigen, haben wir eine Form gefunden, die nur diesen behörd­lichen Anforderungen gerecht wird, aber auf die Zusammen­arbeit ohne jeden Einfluß ist, sodass auch da die Gefahr der Zwischen-grenze voll­kom­men vermieden ist.

Ich brauche wohl nicht zu betonen, dass in dieser Organisationsarbeit auch der Anschluß an unsere heilige Kirche vollkommen gesichert worden ist. Jede Orts­gruppe hat satzungsgemäß ihren geistl. Beirat; den Diözesanbeirat erwähnte ich bereits, und außerdem hat die Zentrale ihren besonderen, vom Bischof ernannten geistl. Beirat, damit auch in der Leitung des Gesamtvereins der direkte Einfluß unserer heiligen Kirche gewahrt ist.

Wenn ich diese Frage für manche unter meinen Zuhörern vielleicht zu ausführlich behandelt habe, so bitte ich Sie, zwei Gründe dafür gelten lassen zu wollen. Einmal die außerordentlich große Bedeutung der Sache für unsere Entwicklung, für die Wirkungs-möglichkeiten und für die Erfolgsaussichten in unserer Arbeit. Und dann vor allem glaubte ich zeigen zu müssen, wie die nun gefundene und von uns festgehaltene Organisationsform nicht etwas theoretisches, willkürliches ist, das man, wenn ernste Forderungen in Frage kommen, wie z. B. Anschluß­verhand­lungen, zu Gunsten von anscheinend höheren Gesichtspunkten preisgeben könnte, sondern dass sie, aus der lebendigen Arbeit heraus gesucht und heraus­gewachsen, nun wieder als selbst Lebendiges diese Arbeit stützt, die Erfolge vervielfacht und besonders diese Erfolge für das einzelne Menschenkind intensiver und dauernder macht.

Über den vierten Punkt meines Berichtes, unsere Zufluchtshäuser, kann ich mich kürzer Fassen, da die Kenntnis von ihrer Notwendigkeit und ihrem Wirken jetzt fast Allgemein-gut geworden ist. An dieser Tatsache, meine Damen und Herren, wird mir am deut-lichsten klar, dass 25 Jahre Arbeit hinter uns liegen, denn diese Erkenntnis hatte damals, wenigstens auf katholischer Seite, niemand; bei uns wurde das Bedürfnis gedeckt durch die Klöster vom Guten Hirten, die ja auch, wie ich anfangs berichtete, in umfassender und bewunderungswürdiger Weise die Mitarbeit aufnahmen.

Die Klöster vom Guten Hirten genügten auch damals vollkommen, da ja, wie ich ausführte, die auf der Magdalenenstation angetroffenen Mädchen längere Zeit zu ihrer geistigen Genesung brauchten und andererseits lange genug unter Dach und Fach blieben, um uns die Möglichkeit zu geben, in dieser Zeit alles für den Zeit­punkt der Entlassung Notwendige besorgen zu können.

Das blieb aber nicht so. Ich sagte schon, dass die Polizei uns sehr bald die auf­ge­griffenen Mädchen zuführte, die nicht krank waren und sonst einfach wieder ent­lassen worden wären mit der üblichen Warnung, um dann nach kurzer Zeit wieder­holt aufgegriffen und unter Kontrolle gestellt zu werden. Diese standen nun oft einfach auf der Straße, wussten nicht wohin. Damals ist mir klar geworden, wie viele Mädchen zugrunde gehen, weil sie Abends kein schützendes Dach über Ihrem Haupte haben. Da war guter Rat teuer. Wir suchten und fanden Hilfe bei der damaligen Oberin des Johanneshospitals, Schwester Laurentia, die, voll mütter­lichen Verständnisses für unsere armen Mädchen, uns ein großes Zimmer im Hospital zur Verfügung stellte. Aber auch das war bald gefüllt. In dieser Verlegen­heit kam uns nun die frische Unternehmungslust unseres Herrn Propst zu Hilfe, der den Bau eines Zufluchtshauses beschloss und dann in der Ausführung durch den leider viel zu früh verstorbenen Pfarrer Cloidt tatkräftig unterstützt wurde. So entstand das erste Zufluchtshaus in Dortmund, das Vincenzheim, das Oktober 1903 eingeweiht und bezogen wurde, inzwischen aber schon zweimal wesentlich vergrößert worden ist. Ihm folgten die anderen. Bei jeder Gründung in einer großen Stadt zeigte sich alsbald dieselbe, wie ich oft gesagt habe, glückliche Verlegenheit und Ratlosigkeit, glücklich, weil sie zur Errichtung immer neuer Heime drängte. So entstand eins nach dem anderen.

Heute hat der Verein 67 Zufluchtsheime mit rund 5000 Betten. Wenn man bedenkt, dass vor 25 Jahren nicht ein einziges derartiges Haus zur Verfügung stand, so dürfen wir uns dieses Fortschrittes dankbaren Herzens freuen.

Unsere Häuser unterscheiden sich von den Klöstern vom Guten Hirten durch eine größere Beweglichkeit und Leichtigkeit in der Aufnahme, Zeitdauer etc., durch freieren Verkehr der Schützlinge mit der Außenwelt, in die sie ja wieder zurück­kehren sollen; vor allem aber dadurch, dass sie jede Art von Hilfsbedürftigen aufnehmen, während die Klöster vom Guten Hirten Mädchen, die ein Kind erwarten oder geschlechtskranke Mädchen nach ihrer Ordensregel abweisen, resp. wieder entlassen müssen. Diese Ordensregel fassen die Schwestern in neuerer Zeit so weitherzig wie möglich auf, behalten die Mädchen solange es irgend geht, aber die Häuser sind doch nicht auf sie eingerichtet. Aufnahme von Mutter und Kind ist völlig ausgeschlossen. Darum sind unsere Häuser neben diesen Klöstern noch eine absolute Notwendigkeit.

Den Schwestern vom Guten Hirten übergeben wir gewöhnlich die Mädchen, die eine besonders lange Zeit und ungestörte Ruhe und Abgeschlossenheit zu ihrer Heilung brauchen und solche, die sich draußen überhaupt nicht hochhalten können und durch die liebevolle Behandlung seitens der Schwestern dann häufig veranlasst werden, ganz bei ihnen zu bleiben. So bekommen die Schwestern vom Guten Hirten also in der Regel die am tiefsten Gefallenen und damit oft auch die am schwersten zu Behandelnden. Sie haben das auch schon ausgesprochen in gütigster Weise und nur in dem Sinne, dass ihre Wirksamkeit dadurch zu sehr eingeschränkt würde, und wir sind entschlossen, durch intensivere Mitarbeit in den einzelnen Fällen ihnen diese schwierige Arbeit nach Kräften zu erleichtern. Über die Art dieser Mitarbeit sind wir uns schon ziemlich klar.

In der Weiterentwicklung unserer Zufluchtshäuser hat sich eine gewisse Spezia­li­sierung herausgebildet. Das Josefshaus in Cöln-Bayenthal nimmt nur Mädchen vor und nach der Entbindung, letztere natürlich mit dem Kinde, steht in Verbindung mit der großen Hebammenlehranstalt. Das Haus in Maria-Frieden in Berlin-Nordend, von den Josefsschwestern gegründet und geleitet, nimmt Mütter mit ihren Kindern. Das Haus Konradshöhe bei Tegel ist nur für geschlechtskranke Mädchen da, die wir vor dem geradezu zerstörenden Aufenthalt in den syphi­liti­schen Stationen der Großstadt bewahren wollen. Die etwas über 100 Plätze sind immer voll belegt; die erzieherischen Erfolge sind neben den medizinischen sehr befriedigend. Das Catharinenstift bei Dülmen nimmt ältere Mädchen; es ist haupt­sächlich im Hinblick auf das kommende Bewahrungsgesetz errichtet {5}, das hoffentlich im nächsten Winter im Reichstag fest Gestalt annehmen wird. Das Vincenzwaisenhaus in Handorf bei Münster ist unser einziges Heim, das gefähr­dete schulpflichtige Kinder aufnimmt; es werden dort zur Zeit 300 Kinder erzogen.

In Folge der Aufnahme von unehelichen Müttern mit ihren Kindern sind in verschie­denen Zufluchtshäusern große Säuglingsstationen entstanden, von denen mehrere über 100 Betten verfügen. Vier von ihnen haben zugleich staatlich aner­kannte Säuglingspflegeschulen. Der Zentrale selbst gehören 3 Häuser: Konrads­höhe bei Berlin-Tegel, das Säuglingsheim in Berlin-Dahlem, an denen unsere uner­müdliche und opferfreudige Rendantin und Geschäftsführerin Fräulein Gertrud Krause mit erstaun-lichem Erfolge amtiert, und das Anna-Katharinenstift bei Dülmen, das seine Existenz der Tatkraft unseres lieben Zentralvorstands­mit­gliedes, Frau Hellraeth-Münster ver-dankt.

Der Segen, der von diesen Häusern ausgeht, ist unbeschreiblich groß. Keines ist ohne Kapelle. Der geistliche Leiter ist unser Erlöser, dem wir alle mit unserer Arbeit dienen.

Mit ganz wenigen Ausnahmen, die sich auf kleine Heime in der Diaspora beziehen, werden unsere Häuser geleitet von Ordensschwestern. Ihre Gründung, ihre Weiter-entwicklung und Führung wäre uns auch nicht annähernd in der bis­herigen Weise möglich ohne die treue, opferfreudige Arbeit dieser Schwestern, denen ich auch an dieser Stelle den wärmsten und herzlichsten Dank aus­spreche. Sie tragen in täglich erneuter Erziehungsarbeit an unseren armen, oft geistig und körperlich so verwahr-losten Mädchen einen sehr wichtigen und sehr schweren Teil unserer Vereinsarbeit. – Es wäre noch viel Schönes zu sagen über die Entwicklung der Zusammenarbeit von unsern Frauen und Schwestern, also von offener und geschlossener Fürsorge – aber die Zeit drängt.

Ich bin überzeugt, – denn es liegt im Zug der Entwicklung – dass diese Zusam­men­arbeit immer noch inniger, schöner, wirkungsvoller werden wird.

Ein Wort muß ich noch sagen über unsere Vorasyle; denn sie stehen augenblick­lich im Vordergrund des Interesses, weil im Vordergrunde der Not. Es sind ganz kleine Zufluchtsstätten, mit oft nur 2-3 Betten, meist aber mehr, die sofort und bedingungslos jedes Mädchen, das kommt oder uns zugeführt wird, aufnehmen nur für kurze Zeit, nur so lange, bis der neue Aufenthaltsort gefunden und die Wege dahin geebnet sind. Ihre Leitung erfordert sehr viel Erfahrung und sehr viel Liebe. Leider können uns da Ordens-schwestern nicht helfen, weil sie von ihren Oberen nicht auf Einzelposten entsandt werden. So bildet die Leitung dieser Heime noch ein schwieriges Kapitel, eine noch nicht überwundene Sorge in unserer Vereinsarbeit.

Seit einiger Zeit verbinden wir diese Vorasyle mit dem Büro, legen sie also, wenn die Wohnungsverhältnisse es irgendwie erlauben, in dasselbe Haus, was sich als sehr wichtig, als außerordentlich günstig für den Erfolg erwiesen hat. Wenn wir unser Kind einmal in Händen haben, müssen wir es festhalten; schlechte Ele­mente und die eigene Schwäche stellen sich zu oft hindernd zwischen Entlassung und Wiederkommen. Sie bleiben auch meist gern, wenn ihnen in mütterlicher Weise gleich Verpflegung und ein behagliches Heim geboten wird. Mit dieser Einrichtung ist dann auch die Frage der Leitung wesentlich erleichtert.

Was nun unsere Arbeit im jetzigen Stadium betrifft, also zum letzten, Punkt meines Vortrages muß ich mich und kann ich mich insofern sehr kurz fassen, als ja der Vortrag meiner Nachfolgerin den einzelnen Arbeitsgebieten gilt. Ihr Vortrag wird uns zeigen, wie sich diese Arbeit im Laufe der Jahre in erfreulicher Weise immer mehr der vorbeu-genden Tätigkeit zugewandt hat. Es wäre ja mit einer weit schauenden und auf den Grund gehenden Auffassung unserer Rettungsarbeit unvereinbar gewesen, wenn wir uns immer nur mit der Hilfe für arme, tief gefal­lene Menschen, für schon stark Verwahr-loste beschäftigt hätten, ohne nach dem Grunde des Fallens, nach den Quellen der Verwahrlosung zu forschen. Das Erkennen all der Nöte, aus denen dieses sittliche Elend entspringt, hat uns immer tiefer in die Jugendfürsorgearbeit hineingeführt; sie ist unzertrennlich mir der Rettungsarbeit verbunden.

Aber darum dürfen und wollen wir diese direkte Rettungsarbeit doch immer als erste Aufgabe unseres Vereins fest im Auge behalten. Da, wohin wir zuerst gerufen wurden, da ist doch auch heute noch in Folge des Verfalles aller sittlichen Begriffe, den uns der Krieg gebracht, die größte Not, das brennendste Bedürfnis nach Hilfe. Und wir sind überzeugt, dass gerade diese Hilfe erwachsen muß aus dem Boden religiöser Weltan-schauung und darum auf konfessioneller Grundlage, und wir fühlen voller Dankbarkeit, dass gerade deshalb, weil wir auch die in der Konfession liegenden Kräfte für diese Arbeit ausschöpfen können, wir besonders wertvolle Arbeit auf diesem Gebiete leisten können.

Darum suchen wir auch immer intensivere Mitarbeit mit der Polizei, eine Zusam­men­arbeit, die sich erfreulicherweise sehr gut entwickelt. In verschiedenen Städten haben unsere Berufsarbeiterinnen schon jeden Morgen die informa­torische Vernehmung der nachts oder sonst wie aufgegriffenen Mädchen; es wird den Vereinen ein eigenes Zimmer im Polizeipräsidium eingerichtet, kurz, wir haben dort halbamtlichen Charakter, eine Einrichtung, die auf Grund der erfolg­reichen Zusammenarbeit auch von den Polizeibehörden gewünscht und gefördert wird.

So wollen wir unsere ganzen Kräfte einsetzen, um das uns hier entgegenge­brachte Vertrauen in vollem Maße zu rechtfertigen.

Zum Schluß hätte ich dann noch einen ganz kurzen Überblick über den jetzigen Stand des Vereins zu geben.

Der Verein ist jetzt über ganz Deutschland ausgebreitet, von Ostpreußen bis herunter an den Bodensee. Im vorigen Jahre sind auch nach längeren einge­henden Verhand-lungen die Josefsschwestern mit ihren drei Vereinen beigetreten, für uns eine große Freude und für den Verein eine große Bereicherung. Ich heiße auch an dieser Stelle die Schwestern noch einmal herzlich willkommen. Noch ausgeschlossen ist allein Württemberg und die Provinz Schlesien.

Wir vermissen in der Arbeit beide Länder schmerzlich, vor allem Schlesien, das von so vielen Seiten verlangt wird, ganz besonders von Berlin. Wir wollen die Hoffnung nicht aufgeben, dass doch noch der Tag komme, an welchem auch hier die führenden Persönlichkeiten den Eintritt in den großen Gesamtverein für richtig halten: es würde für uns alle ein Tag der Freude sein.

Der Verein hat jetzt 328 Ortsgruppen und annähernd 3000 tätige Mitg1ieder. Das ist vielleicht das Schönste an unserer Organisation, dass so viele Frauen in der Arbeit stehen und den armen gefährdeten und verwahrlosten Kindern und jungen Menschen helfen wollen. Helfen, nicht in dem Gedanken: "Wir sind besser als sie", sondern nur in dem Gedanken; "Wir haben es soviel besser als sie. Wie großen Dank sind wir unserm Gott dafür schuldig." Gestützt wird die Arbeit durch 123 in der Organisation angestellte Berufskräfte, unsere unermüdlichen und treuen Mitarbeiterinnen. Unsere 67 Zufluchts-heime habe ich schon genannt. Erwähnen muß ich noch die Fürsorgerinnenschule an der Zentrale zur Ausbi1dung der beruf­lichen und ehrenamtlichen Kräfte {6}, eine außerordentlich wichtige Einrichtung, über die meine Nachfolgerin noch einiges sagen wird.

So schauen wir mit tiefer Dankbarkeit auf die verflossenen 25 Jahre zurück. Es gab und gibt viel Arbeit und viel Sorge, besonders drücken uns beständig schwere Geldsorgen; sie bringen uns manche schlaflose Nacht und wirken auch oft hem­mend auf unsere Arbeit. Aber wir verzagen nicht. Unser Mut und Vertrauen gründen sich nicht auf Zufälligkeiten, sie gründen sich auf Gott. Wir haben erkannt, dass jährlich tausende von jungen Menschenleben in unserem Vaterlande an Leib und Seele zugrunde gehen, nur weil in der Stunde der Not, der Gefahr, der Ratlosigkeit keine helfende Hand sich ihnen entgegenstreckt; nun suchen wir helfende Hände, suchen Mütter, Mütter nach dem Herzen Gottes. Wir wissen, dass noch so vieles in unserm Verein verbesserungs-bedürftig ist auf allen Gebieten; aber unser unentwegtes Streben nach Verbesserung und Vervollkomm­nung soll nicht erlahmen.

Ich lege in dieser Feierstunde das Bekenntnis ab, dass wir in unserer Arbeit nichts suchen, als Gott, die Ausbreitung seines Reiches auf Erden. Und er hält sein ewiges Wort, dass er das übrige zugeben will. In seinem Dienst gibt er Kraft und Ausdauer zu liebevollster Betreuung unserer Schutzbefohlenen, zur Wahrung und Förderung lebens-wichtiger Interessen von Kirche und Staat, finden wir reichsten Segen auch für uns selbst.

Aus: Jubiläumstagung des Katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder, Zentrale Dortmund 1925, Dortmund o.J., 11-27.


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{1}
[Eröffnungsreferat von Agnes Neuhaus zur silbernen Jubiläumsfeier des Für­sor­ge­vereins vom 22. bis 24.9.1925 in Dortmund.]

{2}
[Veranstalter war die dortige "Centrale für private Fürsorge".]

{3}
[Die Datierungen sind z.T. ungenau: Freiburg und Konstanz wurden erst 1908, Karlsruhe bereits im Januar 1906 gegründet.]

{4}
[Gemeint ist hier das preußische "Gesetz über die Fürsorgeerziehung Minder­jähriger" vom 2.7.1900, das am 1.4.1901 in Kraft trat.]

{5}
[Vgl. Dok. 17-19.]

{6}
[Vgl. Dok. 10-12.]

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Quelle:
Hrsg. Sozialdienst katholischer Frauen; Autor: Wollasch, Andreas: Von der Für­sorge "für die Verstoßenen des weiblichen Geschlechts" zur anwaltlichen Hilfe - 100 Jahre Sozialdienst katholischer Frauen (1899-1999); Dokumant 4, S. 55 ff; erschienen 1999; ISBN 3-925680-30-6.



Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0

































































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Stand: 16.10.2018




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