Die Anfänge (1899-1914)



Um 1900 befand sich das Wilhelminische Kaiserreich in voller Machtent­faltung. In einer Phase der Hochindustrialisierung hatte Deutschland sich vom Agrar- zum Industriestaat gewandelt, der unter Kaiser Wilhelm II. eine säbelrasselnde "Welt­politik" mit Flotten-rüstung und prestige­trächtiger Erweiterung seines übersee­ischen Kolonial­besitzes betrieb. Der wirtschaftliche Aufschwung im Innern ver­mochte die sozialen Gegen­sätze unbestreitbar zu mildern, und mit dem noch unter Reichskanzler Otto von Bismarck in den, 1880er Jahren einge­führten System der Sozial­versicherung hatte Deutschland den Weg zum modernen Wohl­fahrtsstaat im internationalen Vergleich sehr früh einge­schlagen.{1} Am Ende des 19. Jahrhunderts begann sich auch das gleich­sam untere Ende der Skala sozialer Hilfen, die alte Armenfürsorge (nach heutiger Terminologie: Sozialhilfe), zu einer "Socialen Fürsorge" zu wandeln und auszu­differenzieren, wobei neue Spezialgebiete wie zum Beispiel die Wohnungs-, die Jugend- und die Gesund­heits­fürsorge Gestalt annahmen. Hier war übrigens nicht der Staat, sondern die kommunale Selbst­verwal­tung stilbildend – verkürzt gesagt, ging dabei dem Sozial­staat die "Sozial­stadt" voraus.{2} Für die Rechts­verein­heit­lichung in der Jugend­fürsorge gab das zum 1. Januar 1900 in Kraft tretende Bürgerliche Gesetzbuch (BGB) wichtige Impulse.

Den Alltag der Menschen prägte dies alles um die Jahrhundertwende jedoch erst in Ansätzen. Armut war noch immer ein Massenschicksal; die Leistungen der Kranken- und Rentenversicherung gestalteten sich zunächst sehr bescheiden und kamen überdies nur einem Bruchteil der Betroffenen zugute; die neuen Sonder­fürsorgen schließlich steckten noch in ihren Anfängen und waren mit den durch­weg älteren privaten (insbe­sondere konfessionellen) Bemühungen und Initiativen auf diesen Gebieten nicht oder allenfalls unzureichend vernetzt. Eine verlässliche und breiten­wirksame Ausprägung erlangte das "duale" System aus freien und staatlichen Akteuren, wie es uns – trotz aller Erosionen seines staat­lichen Pfeilers – bis in die Gegenwart geläufig ist, frühestens mit dem Ersten Weltkrieg.

Die katholische Kirche befand sich im Wilhelminischen Deutschland um 1900 in einer komplizierten Situation. Zwar hatte sie den Kulturkampf weitgehend über­standen und das eigene Milieu – man denke nur an den erneuten Aufschwung des Verbands-katholizismus – in dieser Zeit der Defensive und Bedrängnis sogar festigen können, aber mental waren die damit verbundenen Erfahrungen noch lange nicht überwunden. Sie wirkten gleichsam subkutan als Traumatisierungen fort und begünstigten bei aller Bereitschaft, sich loyal auf das protestantisch geprägte Kaiser­reich einzulassen, immer wieder Tendenzen zum Rückzug auf das eigene Milieu, zu Ghettobildung und Integralismus.{3} Gleichzeitig und zum Teil in Reaktion darauf entwickelte sich jedoch eine innerkirchliche Reform­bewegung, bekannt unter dem Namen "Reformkatho-lizismus", die hinsichtlich ihrer Träger und Ziele sehr heterogen wirkte. Wissen­schaftler, Publizisten und Laien gehörten dazu; die Erneuerung der theologischen Disziplinen und ihr Dialog mit den Naturwissenschaften zählte ebenso zu den Zielen wie die Reform der Liturgie, die inner­kirchliche Aufwertung des Laienelements und ein politisches "aggior­namento" in Richtung auf Staat und Gesellschaft des Deutschen Kaiser­reichs.{4} Während diese politischen Bemühungen teilweise in eine verhängnis­volle Kontinuitätslinie über den kaiserzeitlichen Rechts­katho­lizismus zu den Deutsch­nationalen der Weimarer Republik mündeten, dürfen die anfangs genann­ten Bestre-bungen als frühe Wegbereiter des Zweiten Vatikanischen Konzils gesehen werden – als "eine ideenge­schichtliche Linie vom Reformkatholizismus zum Reformkonzil".{5}

Damit ist in groben Linien der Zeit- und kirchengeschichtliche Hinter­grund skiz­ziert, vor dem sich die Gründung des späteren SkF vollzog. Manche dieser über­geordneten Entwicklungslinien wirkten, wie wir noch sehen werden, sogar direkt auf dessen frühe Vereinsgeschichte ein.

Seit wann aber besteht der SkF überhaupt? Die Antwort auf diese Frage fällt nicht eindeutig aus. Seine Gründerin Agnes Neuhaus hat immer den 19. Juni 1900 als denjenigen Tag genannt {6} an dem der Verein als "Verein vom Guten Hirten" offiziell und unter Ausschluß der Öffent­lich­keit in der Dortmunder Propsteikirche vor wenigen geladenen Frauen aus der Taufe gehoben wurde – eine Vorsichts­maßnahme, die (neben anderen Gründen) noch den Resten der Kulturkampf­gesetzgebung geschuldet war, hatte doch mit Julius Seiler ein Jesuit den Grün­dungsvortrag über­nommen.{7} Das 25jährige und das 50jährige Jubiläum wurden dement­sprechend auch 1925 bzw. 1950 begangen.{8} für das Jahr 1899 könnte hin­gegen sprechen, dass hier die ersten, noch inoffiziellen Wurzeln der Vereins­gründung festzumachen sind, als Agnes Neuhaus den gemeinsamen Gang zur Kommunion am ersten Adventssonntag mit wenigen Gleichge-sinnten als Beginn der gemeinsamen, vereinsmäßigen Fürsorgearbeit auf dem Gebiet der weiblichen Gefährdetenhilfe wertete. Auf dieses Datum bezogen sich die Feierlich-keiten zum 90-jährigen Jubiläum des SkF vor zehn Jahren.{9}

Die Gründungsphase und die daran anschließende Zeit der raschen Aus­brei­tung des "Vereins vom Guten Hirten", der sich in bewusster Anlehnung an Namen und Konzeption des preußischen Fürsorge­erziehungs­gesetzes von 1900 schon bald "Katholischer Fürsorgeverein für Mädchen, Frauen und Kinder" (KFV) nannte {10}, spiegeln die ausgewählten Doku­mente aus unterschiedlichen Blickwinkeln. "Dokument 1" bietet einen sehr persönlichen und ungeachtet seiner späteren Abfassungszeit in hohem Maße authentischen Rückblick der Vereinsgründerin auf die Vorge­schichte des KFV, auf ihre eigenen Motive und das personelle Umfeld. Dabei wird deutlich, wie sehr der Verein einerseits von der sozial­politischen Aufge­schlossenheit kommunaler Spitzen-beamter profitierte, deren Konzepte von "Socialer Fürsorge" im Gegenzug durch seine Tätig­keit aber auch umzusetzen und zu entwickeln half, war doch gerade die Gefährdetenfürsorge um die Jahr­hundertwende als eigenständiges Spezial­gebiet noch kaum "entdeckt".

"Dokument 4" zählt zu den "Klassikern" der Vereinsgeschichte und ist als kon­zen­trierter Überblick zur Organisationsentwicklung des KFV in der Frühzeit nach wie vor lesenswert. Der Text, von dem mehrere Varianten existieren {11}, wird hier in seiner ursprünglichen Version als Festvortrag abgedruckt. "Dokument 3" bietet Einblicke in die prak­tische Arbeit der Anfangsjahre, da es sich hierbei um eine Werbe­rede handelt, mit der Agnes Neuhaus in der Öffentlichkeit potentielle Mitar­beiterinnen ansprach. Interes-sant ist daran vor allem der explizit ausge­sprochene Zusammenhang von katholischer Frauenbewegung und Mütter­lichkeit ("Welch herrliche Frauenbewegung wird das sein, die so vielen armen Verlassenen eine Mutter bringt!"). Mit diesem zuvor breit ent­wickelten Gedanken wird dieser Vortrag zum Schlüsseldokument gegen eine verbreitete Forschungsmeinung, welche die organisierte Mütterlichkeit als Beweggrund weiblicher Fürsorgetätigkeit zu einer Errungenschaft der bürgerlichen (nichtkonfes-sionellen) Frauenbewegung erklärt hat.{12}

Die "Dokumente 2 und 5" stellen alte Satzungen des Vereins dar – die erste erhaltene Fassung von 1902, als der Vereinsname noch "Katho­lischer Fürsorge­verein für Mädchen und Frauen" lautete, und eine revi­dierte Fassung von 1913. Im direkten Vergleich zeigt sich, dass die spürbar die Handschrift der Verbands­grün­derin tragende Erstfassung juris­tisch noch wenig durchgestaltet war, während die Version von 1913 mit ihrer detaillierten Auflistung der einzelnen Arbeitsgebiete selbst aus gegenwärtiger Sicht erstaunlich aktuell wirkt, zumindest wenn man die zeitgenössische Terminologie auf heutige Sprachregelung überträgt. Die ersten Satzungen sind übrigens der einzige Text, der für den Verein aus der Geistlichkeit einen Präses vorsieht.

Seit 1903 – und bis heute – ist an seine Stelle der Geistliche Beirat getreten, der in der praktischen Vereinsarbeit eine beratende Funktion hat. Damit kennzeichnete den KFV bei aller religiösen Verankerung und Anerkennung kirchlicher Autorität, wovon alle Dokumente Zeugnis geben, von Anfang an ein unübersehbares, reform­katholisches Laienelement, gehörte er doch zu den ersten katholischen Frauenvereinen, die eigen­ver­antwortlich unter weiblicher Leitung arbeiteten.{13} Als weitere, seit den Anfängen tragende Grundideen lassen sich ausmachen zum einen das "Arbeiten auf gesetzlicher Grundlage", woraus sich eine enge Kooper­ation mit behördlichen Stellen in der alltäglichen Arbeit vor Ort nahezu von selbst ergab, und zum anderen der hohe Stellen-wert, der dem Zusammenwirken von beruflichen und ehrenamtlichen Kräften in der Fürsorge beigemessen wurde.{14}

Dass die Gefährdetenfürsorge, die auf den Geschlechtskrankenstationen der Hospitäler begonnen und bald darauf die Gefangenenfürsorge und den Besuch der Entbindungs-anstalten miteinbezogen hatte, das einzige Arbeits­feld des neuen Vereins bildete, war ein Zustand, der nur kurze Zeit anhielt. Der Übergang von der rettenden Gefährdeten- in die vor­beu­gende Jugendfürsorge vollzog sich schnell und fließend. Die Teil­nahme an Tagungen von bzw. die Mitgliedschaft in wichtigen bürger­lichen Organisationen der Privatwohltätigkeit – Dokument 4 erwähnt die Frank­furter "Centrale für private Fürsorge"; zu nennen wären hier auch das "Archiv Deutscher Berufsvormünder" oder der "Deutsche Verein für Armen­pflege und Wohltätigkeit", später "für öffentliche und private Für­sorge" – weitete den Horizont, führte zur Gewinnung neuer Bündnis­partner und wies nicht zuletzt auch den KFV selbst als Teil der bürger­lichen Sozialreform aus.

Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges hatte der KFV das Ziel seiner reichs­weiten Ausdehnung in etwa schon erreicht. Dass seine Schwerpunkte nach wie vor eindeutig in den Rheinlanden und in Westfalen lagen {15}, ließ sich freilich nicht leugnen und verwies in geographischer wie personeller Hinsicht noch lange auf die Anfänge zurück. Inhaltlich war der Verein in den ersten anderthalb Jahr­zehnten seines Bestehens mit der Entwicklung seiner Arbeitsgebiete und der Ver­ein­heitlichung seiner Organisation beschäftigt. Verständlicherweise verfügte er noch nicht wie erstmals in der Weimarer Republik über das Gewicht, Gesetze zu beeinflussen und damit die Rahmenbe-dingungen der Sozialpolitik selbst zu verän­dern. Zunächst ging es vielmehr darum, mit den bestehenden Gesetzen zu arbei­ten – oder um es mit Agnes Neuhaus zu sagen, "die in diesem B.G.B. enthaltenen Schätze" zu erkennen und anzuwenden.{16}


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{1}
Zur historischen Einordnung vgl. Florian Tennstedt, Der deutsche Weg zum Wohlfahrtsstaat 1871-1881. Anmerkungen zu einem alten Thema auf­grund neu erschlossener Quellen, in: Andreas Wollasch (Hg.), Wohl­fahrts­pflege in der Region. Westfalen-Lippe während des 19. und 20. Jahrhunderts im historischen Vergleich, Paderborn 1997, 255-267; Volker Hentschel, Geschichte der deutschen Sozialpolitik (1880-1980). Soziale Sicherung und kollektives Arbeitsrecht, Frank­furt/M. 1983, 9-29; zu den materiell-rechtlichen Inhalten auch Johannes Frerich / Martin Frey, Handbuch der Geschichte der Sozialpolitik in Deutschland, Bd.1: Von der vorindustriellen Zeit bis zum Ende des Dritten Reiches, München – Wien 1996/2, 95-116.

{2}
Sachße/Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge, Bd. 2 (wie Einl., Anm. 2), 15-41; Reulecke, Die Stadt als Dienstleistungszentrum (wie Einl., Anm. 5); vgl. als vorzügliche und gut lesbare Hintergrundinformation auch ders., Geschichte der Urbanisierung in Deutschland, Frankfurt/M. 1985.

{3}
Zu Verlauf und Ergebnissen des Kulturkampfes vgl. Ernst Rudolf Huber, Deutsche Verfassungsgeschichte seit 1789, Bd. 4; Struktur und Krisen des Kaiserreichs, Stuttgart – Berlin – Köln – Mainz 1969, 645-831; Rudolf Lill, Der Kulturkampf in Preußen und im Deutschen Reich (bis 1878); Die Beilegung des Kulturkampfes in Preußen und im Deutschen Reich, in: Hubert Jedin (Hg.), Handbuch der Kirchen­gesçhichte, Bd. VI/2, Freiburg – Basel – Wien 1973, 28-48 ; 59-78 ; Karl-Egon Lönne, Politischer Katholizismus im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt/M. 1986. 151-173.

{4}
Vgl. Otto Weiß, Der Modernismus in Deutschland. Ein Beitrag zur Theologie­ge­schichte, Regensburg 1995.

{5}
Walter Ferber, Der Weg Martin Spahns. Zur Ideengeschichte des politischen Rechtskatholizismus, in: Hochland 62 (1970), 218-229, hier 229.

{6}
Vgl. Dokument 4.

{7}
Der – leicht gekürzte – Erstabdruck dieses Vortrags erschien unter dem Titel "Für die Verstoßenen des weiblichen Geschlechts" in: Caritas 6 (1901), 130-136. Diese zeittypische Formulierung greift die hier vorge­legte Festschrift in ihrem Titel wieder auf. – Der vollständige Vor­tragstext ist abgedruckt in: Jubiläumstagung des Katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder, Zentrale Dortmund 1925, Dortmund o.J., 175-185.

{8}
Vgl. Jubiläumstagung des KFV 1925 (wie Anm. 7); Katholische Fürsorge­arbeit im 50. Jahre des Werkes von Frau Agnes Neuhaus. Erbe, Aufgabe und Quellgrund 50järiger Arbeit des Katholischen Fürsorgevereins für Mädchen, Frauen und Kinder. Dargestellt in den Vorträgen und Arbeits­ergebnissen der Jubiläumstagung vom 13. bis 16. Sept. 1950 in Dortmund, Dortmund o.J.

{9}
Vgl. die Berichterstattung im Korrespondenzblatt des SkF 3/89, 4-39; 3/9O, 33-61.

{10}
Siehe Dokument 4.

{11}
Eine 1929 im Jahrbuch für die Katholiken Dortmunds abgedruckte Fassung ist neu editiert und mit einer ausführlichen Kommentierung von Irmin­gard Böhm versehen in; Karl Hengst / Hans Jürgen Brandt / Irmingard Böhm (Hg.), Geliebte Kirche – gelebte Caritas. Agnes Neuhaus, Christian Barrels, Elisabeth Gnauck-Kühne, Wilhelm Liese. Festgabe für Dr. theol. Paul Heinrich Nordhues, Titular­bischof von Kos, Weihbischof emeritus in Paderborn zur Vollendung des 80. Lebensjahres, Pader­born – Mün­chen – Wien – Zürich 1995, 23-46.

{12}
Einen solchen Ansatz verfolgt Christoph Sachße in seinem inzwischen in 2. Auf­lage vorliegenden Standardwerk: Mütterlichkeit als Beruf. Sozial­arbeit, Sozial­reform und Frauenbewegung 1878-1929, Opladen 1994/2. Zur Kritik dieser Sicht vgl. schon Gisela Anna Erler / Jochen-Christoph Kaiser, Frauenbewegung und Geschichte der Sozialarbeit (= Rezension zur 1. Aufl. von Sachße, Mütterlichkeit), in; Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau 9 (1986), Heft 13, 20-28, bes. 27f.

{13}
Sehr aufschlussreich in dieser Hinsicht ist auch Dok. 26!

{14}
Dokument 4 und 1; vgl. auch Wollasch, Der Katholische Fürsorgeverein (wie Einl., Anm. 6), Tab.1 (S.353).

{15}
Vgl. ebd., Schaubild 2 (S.357f.).

{16}
Dok. 1.

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Quelle:
Hrsg. Sozialdienst katholischer Frauen; Autor: Wollasch, Andreas: Von der Für­sorge "für die Verstoßenen des weiblichen Geschlechts" zur anwaltlichen Hilfe - 100 Jahre Sozialdienst katholischer Frauen (1899-1999); S. 15 ff; erschienen 1999; ISBN 3-925680-30-6.










Lizenz: CC BY-NC-ND 3.0

































































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Stand: 16.10.2018




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